Erschienen in: Zeitschrift für systemische Therapie 19 (1), 2001
Viele Spuren – um im Bild des Titels zu bleiben – legt Wolfgang Loth in seinem Buch: wie psychosoziale Arbeit beschrieben und in ihren Prämissen durchleuchtet werden kann, welche theoretischen Erkenntnisse ihr nutzbar gemacht werden können und in welchen Rahmenbedingungen sie stattfindet.
Auf der Spur des Autors
Wolfgang Loths Anliegen kommt aus der Praxis: diese der Reflexion zu unterziehen, Konzepte zu durchleuchten, nach klaren Begriffen und Beschreibungen zu suchen. Damit soll die komplexe Landkarte professioneller psychosozialer Hilfen lesbarer werden. Es wird erkennbar, wann „Wegweiser eher weg oder Wege weisen“ (S. 18). Das geht nicht nur mit rational-logischen Erkenntnissen, es bedarf auch eines „intuitiven Zugriffs“ (S. 193) auf Handlungs-Wissen.
Systeme können nicht ohne Umwelt existieren bzw. gedacht werden - so siedelt Wolfgang Loth Wissenschaft und Theorie in der Umwelt für Praxis an und umgekehrt, die in guter Nachbarschaft von einander profitieren. Er zeigt die Anwendungsmöglichkeiten von Luhmanns Theorie sozialer Systeme und des darin liegenden Gedankens, dass soziale Systeme durch Kommunikation funktionieren, für professionelles Handeln auf. Ludewigs Konzept von der Mitgliedschaft in sozialen Systemen durch die Bestätigung eines Themas (oder eines Problems) nutzt er zur Unterscheidung therapierelevanter sozialer Systeme. Den Ansatz des sozialen Konstruktionismus, nach dem Wirklichkeit gemeinsames Herstellen von Bedeutungen ist, durchleuchtet er auf seine Brauchbarkeit zur Erklärung einer Therapie des Möglichkeitenschaffens, die kein gegeneinander Antreten mehr ist von Experten gegen Hilfsbedürftige, sondern gemeinsame, von Respekt getragene Arbeit.
Spur: Beisteuern als wesentliches Beschreibungsmerkmal professionellen Handelns
In diesen theoretischen Prämissen wurzelt Wolfgang Loths Beschreibung des professionellen Anteils der gemeinsamen Arbeit mit Hilfesuchenden als „Beisteuern“. Damit meint er die “Kompetenz, sich erkennbar, verantwortlich und anschlussfähig daran zu beteiligen, Perspektiven zu weiten und Möglichkeiten zu erschließen, ohne das einseitig und allein entscheidend tun zu können“ (S. 41). Ermöglicht wird das durch die entscheidende therapeutische Grundhaltung: den Respekt. Respektieren vollzieht sich in der Begleitung, im zur Verfügung Stellen von Erfahrung, Können und Wissen zur Entdeckung von Ressourcen und zum Markieren von Veränderungen. Nützlich sind dabei das Erkennen der zugrunde liegenden Beziehungen (KundIn~, Klagende(r)~, BesucherIn~), mit dem jeweils anderen Blick auf die unterschiedlichen Ressourcen.
Die beschriebenen therapeutischen Möglichkeiten entwickeln sich nicht „irgendwie von selbst“, sondern in einem strukturierten Rahmen. Damit kommen wir zu einem entscheidenden Konzept von Wolfgang Loth: auf das Entwickeln von Kontrakten. Das vertrackte am Begriff „Kontrakte“ ist, dass er leicht falsche Assoziationen erwecken könnte, als sei es etwas, das man schließt (dann wäre es ja „abgeschlossen“, also „die Tür zu“) und damit sei die Arbeit fertig. Es geht vielmehr um Miteinander-Geschehen, Zusammen-an-einem-Strang-Ziehen als entscheidenden Teil des Veränderungsprozesses. Seine Säulen sind das Erarbeiten von handhabbaren Aufträgen. Um das im Sinne eines kundenorientierten Geschehens tun zu können, unterscheidet er genau zwischen Anlass (der „behandlungsbedürftigen Störung“) bzw. den das Hilfesuchen ver-anlassenden „Anlassern“ (als ersten Starthilfen für den Blick auf Ressourcen), und dem Anliegen, das darüber hinaus einen möglichen, in die Zukunft gerichteten Veränderungswunsch auf Ziele und Visionen hin orientiert. Auch hier werden Vision (als allgemeine Bereitschaft, sich auf den Weg zumachen) und Ziel (konkrete Wegweiser in Bezug auf Richtung, Zeit etc) wieder klar begrifflich und hinweisend für das kontraktierende Geschehen unterschieden. Daraus geschieht die Entwicklung des Auftrages, ein wesentlicher Bestandteil im Therapieprozesses, an dem sich das gesamte weitere Geschehen im therapeutischen System zu messen hat und an dem entlang zu prüfen ist, ob, wann und wie das Ziel erreicht, der Auftrag erfüllt (oder als nicht erfüllbar festgestellt) sowie kommunikativ darüber abgestimmt ist, wie ein Verabschieden aus dem Kontrakt möglich ist.
Evaluation findet zum einen statt im Kontext KlientIn – Hilfeanbieter als Überprüfung des Wie? und Was? der Kontrakterfüllung. Wenn professionelle psychosoziale Hilfe Hilfesuchenden den Rahmen bereitstellen soll, in dem sie (wieder) zu ihren Möglichkeiten finden, geht das jedoch nicht ohne die entsprechenden Rahmenbedingungen. So entwickelt Wolfgang Loth im Modell der Kontraktorientierten Leistungsbeschreibung (KOLB) ein beeindruckend inhaltlich und qualitativ gefülltes Modell der Analyse und Beschreibung psychosozialer Hilfeleistung. Er gibt sich nicht mit quantitativ messbaren Größen zufrieden, sondern setzt qualitative Beschreibung vor quantitativ gesetzte Normen wie ISO. Was auf den ersten Eindruck sperrig klingen und struktur- und evaluationsscheue PraktikerInnen abschrecken könnte, entpuppt sich als handhabbarer Orientierungsrahmen, innerhalb dessen sich das „lebendige“ Geschehen professionellen Helfens entfalten und der Evaluation-im-Kontext der hilfeanbietenden Institutionen einschließlich ihrer Finanzierer stellen kann. KOLB – bzw. der darin liegende Orientierungsrahmen - ist übertragbar auf andere Arbeitsfelder und darin nutzbar. Das setzt voraus, dass LeserInnen und Spurensucher das Konzept nicht nur in seiner Struktur lesen, sondern in seinen Möglichkeiten und Ressourcen, ihrem professionellem Handeln einen Rahmen zu geben. Damit ist der Wolfgang Loth auch der Spur der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von professionellen psychosozialen Hilfen konsequent und analytisch prägnant gefolgt.
Bei aller beeindruckenden Analyse ist mir das wichtigste an dem Buch die grundlegende respektvolle Haltung zur professionellen psychosozialen Arbeit, die sich durchgängig durchzieht und in allen Kapiteln ihre Spuren hinterlässt. Sie liegt im Prinzip der Kundenorientierung, begründet, theoretisch eingebettet und für die LeserIn nachvollziehbar. Respekt wird deutlich auch in Wolfgang Loths anschlussfähigen Beschreibungen und Metaphern über seine therapeutisch-ethische Haltung, die im Bild des Beisteuerns ihren klarsten Ausdruck findet. Und: aus den Fallbeispielen – respektvoll erzählten Geschichten - lässt sich ganz deutlich Respektieren und Authentizität spüren.
Mit seinem theoretisch-praktisch vermittelten Ansatz, dem fundierten Konzept und der brillanten bilderreichen Sprache hat das Buch in der Reihe systemische Studien als deutschsprachiges Werk seinen Platz verdient. Wegen seiner Vielschichtigkeit ist es für viele verschiedene LeserInnen interessant. Es ist möglich, beim Lesen jeweils einer Spur zu folgen oder alle in den Blick zu nehmen. Gewinn und Nutzen stellen sich so oder so herum ein. Es ist ein Buch
Ich wünsche dem Buch ein starke Verbreitung, es kann für LeserInnen aus den verschiedensten Arbeitsfeldern eine große Hilfe für die Klärung der eigenen professionellen Position sein.
Cornelia Tsirigotis, Aachen